Vielfältige Erinnerung: Holocaust-Gedenktag am Bergstraßen-Gymnasium Hemsbach
Der 27. Januar markiert dieses Jahr zum 81. Mal die Befreiung von Auschwitz-Birkenau und erinnert an die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden, sowie hunderttausender anderer vom Nazi-Regime verfolgter Menschen. Anlässlich dieses Tages beschäftigten sich drei Klassenstufen des Bergstraßen-Gymnasiums Hemsbach mit unterschiedlichen Dimensionen des Denkens, das der nationalsozialistischen Gesinnung innewohnt(e) und der Frage nach Erinnerung.
Die Klassen 9a und b besuchten im Marchivum ein Workshop zur Geschichte Mannheims im Nationalsozialismus und vertieften anschließend mit einem Angebot des Lernorts RomnoKher die Geschichte von Zilli Schmidt. Die Mannheimerin wurde von den Nationalsozialisten als Sinti verfolgt und viele ihrer Familienmitglieder fielen der deutschen Vernichtungsmaschinerie zum Opfer. Die Schülerinnen und Schüler tauchten tief in ihre Lebensgeschichte ein und waren erschreckt darüber, dass die Kartei zur Erfassung deutscher Sinti und Roma auch noch lange in die Nachkriegszeit genutzt und der Antiziganismus des NS-Regimes keineswegs mit dem Kriegsende verschwunden war. »Es war sehr interessant, über Zillis Leben zu lernen und mit den Ansprechpersonen vor Ort konnte man das neue Wissen gleich einordnen. Da hat man Verbindungen verstanden, von denen man vorher noch nichts wusste,« befanden zwei Schülerinnen im Nachgang.
Die 9c beschäftigte sich ebenfalls mit der Geschichte der Verfolgung von Sinti und Roma und besuchte dazu das Dokumentationszentrum deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Auch dort stand die Arbeit mit Biographien im Mittelpunkt und ermöglichte den Schülerinnen und Schülern ein Verständnis des Allgemeinen über die Untersuchung des besonderen Einzelnen.
Die 10. Klassen besuchten das Brennessel-Kino, wo sie den Film »Bêmal — Heimatlos« schauten, der über das Schicksal junger Jesidinnen und Jesiden erzählt, die vor der genozidalen Gewalt des Islamischen Staats flüchten mussten und begonnen haben, ein Leben nach dieser Gewalt aufzubauen. Die Filmvorführung fand in Kooperation mit der Volkshochschule Badische Bergstraße statt, mit der das Bergstraßen-Gymnasium regen Austausch pflegt. Eingebettet war die Veranstaltung in das Human Rights Film Festival — der Film zeigte eindrücklich die Wichtigkeit der Menschenrechte als Referenzpunkt politischen und gesellschaftlichen Handelns. Im Anschluss moderierten die beiden Lehrkräfte Sofia Dunz und Norman Hanisch die Frage- und Gesprächsrunde, im Laufe derer die Schülerinnen und Schüler zum Ausdruck brachten, wie wichtig die Kenntnis individueller Geschichten zum Verständnis, um zu sehen, welche Hilfe Menschen brauchen. Der Film war eingebettet in Vor- und Nachbereitung des Themas in unterschiedlichen gesellschaftswissenschaftlichen Fächern in der Schule, um das Gesehene im Kontext verstehen zu können. So waren die Schülerinnen und Schüler immer wieder überrascht davon, welche Facetten die Kultur und Geschichte der Jesidinnen und Jesiden bereithielt, geschockt von der unglaublichen Gewalt, die der IS über sie brachte (und die auch im Kontext früherer Verfolgungen z.B. im osmanischen Reich stand) und berührt von der Resilienz der einzelnen Akteure und Akteurinnen in der Dokumentation.
Die Jahrgangsstufe 1 hörte gebannt die Familiengeschichte von Judy Rosenthal: Insgesamt weiß sie inzwischen von 17 Familienmitgliedern, die die Nationalsozialisten ermordeten. In Auschwitz, in Treblinka, in Theresienstadt. Hinzu kommen drei weitere, die sich wegen des Erlebten und Ertragenen im Nachgang des 3. Reiches das Leben nahmen. Über jedes einzelne Schicksal berichtete Judy Rosenthal den 50 anwesenden Elftklässlern. Ihr Vater überlebte das Grauen des Naziregimes als Kind, weil die Familie 1936 nach Chicago auswanderte – rechtzeitig vor den 1940 einsetzenden Deportationen und den fabrikmäßigen Ermordungen. Der Rest ihrer Familie blieb zurück in München, darunter Judys Urgroßmutter Dorline Springer und ihre Großtante Elisabeth Springer. Elisabeth wird im litauischen Kaunas im Herbst 1941 erschossen, Dorlines Spur verliert sich im Frühjahr 1942 im polnischen Ghetto Piaski. Beide Schicksale stehen exemplarisch für viele weitere im recht weit verzweigten Stammbaum der Rosenthals.
All das und noch viel mehr recherchierte Judy Rosenthal Jahrzehnte nach dem Holocaust. Zu lange wurde nicht darüber gesprochen, nur wenig war bekannt. Mittlerweile in Deutschland lebend, studierte sie Quellen und beantragte Dokumente. So kam nach und nach ans Licht, wie sehr die Familie von den Schergen Hitlers betroffen war und wie sehr sie leiden musste. Auch Judy Rosenthal stellte sich den Fragen der Schülerinnen und Schüler und konnte mit ihnen erörtern, wie wichtig eine lebendige Gedenk- und Erinnerungskultur ist, um dem zentralen Anliegen des Gedenktags Rechnung zu tragen: Dass das, was geschehen ist, nicht wieder geschehen möge.
Text und Bilder: Patrick Baumgärtner
Bild 1: r. Sabina Toldo von der Volkshochschule Badische Bergstraße führt die Schülerinnen und Schüler in den Film und das übergeordnete Thema der Menschenrechte ein.
Bild 2: Judy Rosenthal spricht zu Schülerinnen und Schülern des Bergstraßen-Gymnasiums.
Bilder 3 und 4: Schülerinnen und Schüler im Heidelberger Dokumentationszentrum deutscher Sinti und Roma
